Ellipse: Prall und Proll
     

 

             Vis dicendi*

Emma und ihr Gatte Torben
sind soeben grad gestorben.
Brachte nichts die Herzmassage
nach der Großkarambolage
auf der Bundesstraße dreißig,
war der Notarzt noch so fleißig.

Beide damals ungebunden,
hatten sie sich doch gefunden,
auch wenn in den Ehejahren,
sie so grundverschieden waren.

Torben, ein solider Könner,
war ein milder, großer Gönner,
half bei allem, wenn es nützte,
dass er schenkend unterstützte.

Emma war ein harter Brocken,
immer sachlich, pulvertrocken,
nichts war ihr je zu entlocken.
Niemals war sie je zu kriegen,
denn ihr Ziel war zu obsiegen,
immer schnell sich durchzusetzen,
flogen da auch mal die Fetzen.
Sie zerstampfte wirklich jeden
mit der Kunst glasklar zu reden.

Jetzt im Himmel angekommen
und vom Sterben noch benommen
sitzen sie im Wartezimmer.
Sanft umflutet sie ein Schimmer,
der nicht nur den Raum beleuchtet,
sondern auch die Luft entfeuchtet
von den Strömen vieler Tränen
Wessen? Muss man das erwähnen?!

Gott, der Herr, will sie empfangen,
höchst persönlich. Beide bangen,
bei ihm bald schon einzutreten
in die enge kleine Klause
sein, so heißt es, sein Zuhause.

Einzeln wird man reingebeten,
einzeln bei ihm einzutreten,
um die Prüfung durchzustehen,
die dann sagt: Sie müssen gehen!
Weg! Sofort ins Fegefeuer!
oder Schleich dich Ungeheuer!
Immer warst du schon ein Bengel.
Ab zur Zunft gefallener Engel!


Doch die meisten dürfen bleiben.
Gute will Gott nie vertreiben,
denn er kann ja auch vergeben,
ging im kurzen Erdenleben
dies und das auch mal daneben.
Jeder darf darauf dann bauen,
Gott in Ewigkeit zu schauen.

Erst wird Torben vorgelassen,
kann sein großes Glück kaum fassen,
tot vor seinem Herrn zu stehen,
in sein Antlitz ihm zu sehen.

Schon nach etwa drei Minuten
- Gott scheint heute sich zu sputen -
hört man Torben an der Schwelle
jubelnd lauthals auf der Stelle
Preis sei Gott! Auf sein Betreiben
darf ich hier auf ewig bleiben.

Nun tritt Emma aus den Reihen
derer, die geduldig warten
und nervös erschöpft schon harrten
auf das Treffen mit den Dreien,
die als Vater, Sohn und Taube,
so will das der fromme Glaube,
ewig nur dreieinig walten
und der Liebe Macht entfalten.

Emma, dieser harte Brocken,
macht sich also auf die Socken
gradewegs zu den Dreieinen.
        Bild
selbstbewusst mit sich im Reinen.

Dort beginnt sie zu taktieren,
trotzig, hart zu diskutieren,
nicht zuletzt vor allen Dingen,
ihren Willen aufzuzwingen.

Um ihr Ziel auch zu erreichen,
ginge sie selbst über Leichen.
Nur wie sollte sie das machen?
Hier die Toten würden lachen.

So tritt Gott nach zwei, drei Stunden
hin vor die verblichenen Kunden
und verkündet auf Lateinisch,
klingt für manche Leute schweinisch:

Ne, amici, nunc oremus!
Emmam pie hic laudemus!**


Ob der uns doch wohl bekannten
von den Lehrern oft benannten
Bildungs- und Latinumsbrache,
fährt er fort in deutscher Sprache:

Emma wünscht, auf ihr Betreiben
dürfe ich einstweilen bleiben.


* Lat.: Die Gewalt zu sprechen

** Lat.: Freunde, lasst uns jetzt nicht beten!
            Emma sollten wir hier fromm loben!












 


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