Ellipse: Prall und Proll
     

 

               Scheidung

Er mit hundertsiebzehn Jahren,
nicht mehr jung, doch welterfahren,
sie sogar noch etwas älter
als ihr Gatte und Vermählter
treten ohne Zaudern, Wanken
vor Justit
ias hohe Schranken,
fest entschlossen vor den Richter,
meist im Streit der große Schlichter,
oft für Scheidung vieler Ehen
fest bestallt und ausersehen.

Ihr Begehren sei die Scheidung
möglichst aber beiVermeidung
all zu langen Prozessierens
oder Hin-und-Her-Taktierens,
denn ein jeder könne sehen,
Mühe hätten sie beim Stehen.

Auch Details hier zu erfragen
ist nur schwerlich zu ertragen,
denn Details, die sind verschwommen,
in die Jahre längst gekommen.

Ja, wir beide, fast noch Gören,
das noch können wir beschwören,
sind die Ehe eingegangen,
voneinander eingefangen.

Das war knapp vor hundert Jahren
nach gelegentlich sich Paaren;
diese Heirat, wie man wusste,
hieß ja früher noch „Er musste!“.

Zwar ging man im Eheständchen
nicht grad immer Hand in Händchen,
doch die Sache mit dem Paaren,
dem trotz allem wunderbaren,
ließ sich dann doch von den beiden
auf die Dauer schwer vermeiden.
Ergo ließ sich nicht verhindern
eine Schar von sieben Kindern.

Wollt man Schlimm
eres noch verhüten,
gab es früher Plastiktüten;
diese Dinger, muss man wissen,
taten eines nur, sie rissen;
stand er noch, war das beschissen.

Wer doch keine Tüten hatte,
dafür aber eine Latte,
dem blieb, wenn er noch so wollte,
jetzt doch besser gar nicht sollte,
die Methode circum ite
et coire nunc nolite*.

Medizinisch unbedenklich,
trotzdem macht sie manchen kränklich,
der sie all zu oft verwendet,
bis er in der Klapse endet,
jenes Contraconceptivum
Marke Extra Primitivum,
ganz speziell für arme Leute,
die drei Worte „Nur nicht heute!“

So vergingen uns Jahrzehnte,
bis man sich nach nichts mehr sehnte,.
resümiert nunmehr der greise
Ehemann, der altersweise:

Jetzt jedoch nach all den Jahren
haben wir uns selbst erfahren
in der Ich-Erfahrungsgruppe,
eine durchgeknallte Truppe,
grad beim Malen und Erstellen
von vierhundert Aquarellen
auf dem Hof von Adriana
tief im Süden der Toskana.

Dort war schnell herausgefunden
jene tiefste aller Wunden,
dass wir uns nicht grade hassten,
doch nicht zueinander passten;
schließlich konnte wir zwei beiden
uns von Anfang an nicht leiden.
Darum gibt es eins nur: Scheiden!

Sicher will man auch erfahren,
warum erst nach so viel Jahren;
warum blieben wir zusammen
auf Gedeih, Verderb, Verdammen?

Nun, das kann man leicht verstehen,
will man das bei Licht besehen.
Als wir über neunzig waren,
wollten wir den Schein bewahren,
wollten gerne noch was warten,
bis wir uns dann offenbarten.

Nicht für Haus, für Hof und Rinder
macht man so was; nur für Kinder
ist man gern bereit zu zaudern,
nicht gleich alles auszuplaudern.

Kinder dürfen niemals leiden,
nicht durch Zank, durch Zoff und Scheiden.
Unsre Kinder, unsre Erben
sollten erst in Frieden sterben.

 

 

 

*Lat.: Geht Euch aus dem weg und vermeidet den Coitus!

 

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