Ellipse: Prall und Proll
     

 

               De profundis*

Hilmar steht am Grab von Hilde,
immer hieß sie Hilmars Wilde
bei den Freunden und Bekannten,
die sie boshaft so nur nannten.

Alle, die sie gut durchschauten,
nie und nimmer je sich  trauten,
ihr Paroli mal zu bieten,
sie rhetorisch umzunieten.

Immer wollte sie regieren,
alle Leute drangsalieren,
kujonieren, malträtieren,
destruieren, fertigmachen.
niemals konnte sie auch lachen.

Freundlich gar mit wem zu sprechen,
irgendwo das Eis zu brechen,
das sie ständig mit sich brachte
und nur Eiszeit rings entfachte,
war ihr einfach nicht gegeben,
nicht allhier in diesem Leben.

Hilmar, Gutmensch, will nur allen
dienen, helfen und gefallen,
jedem eine Freude machen
und von Herzen selber lachen.

Er, ein Gentleman, kein Stoffel,
stand nur unter dem Pantoffel
seines grimmen Drachens Hildchen,
deren schmeichelhaftes Bildchen
in der Morgensonne leuchtet
auf dem Stein vom Tau befeuchtet.

Endlich ist sie in der Lage,
denn er hört ja kein Klage,
ihm ein Lächeln abzuringen,
will er frische Blumen bringen.

Doch trotz seiner guten Gaben,
kann er hier, wo sie begraben,
manchmal sauer auf sie werden
ob der Lasten und Beschwerden,
die er ihr allein verdankte,
wenn sie nörgelnd mit ihm zankte.

So auch wieder heute morgen,
als er frei von allen Sorgen
hier am Grab steht, dem von Hilde.

Sie doch, führt sie was im Schilde,
denn ganz plötzlich stöhnt und wimmert,
rauh wie früher, nur verschlimmert,
ihre Stimme aus der Tiefe,
wo sie doch viel besser schliefe
als den Gatten zu erschrecken
vor den immergrünen Hecken?:

Hilmar, hör auf die Beschwerde,
schwer wird mir die Friedhofserde.
Niemand scheint mich lieb zu haben,
bin lebendig hier begraben.


Neben einer bunten Blume
streckt sie durch die Ackerkrume
ihre rechte Hand nach oben,
angenagt schon von Mikroben.

Hilmar sieht das voll Entsetzen,
denkt: Du alter, böser Fetzen,
willst du mich hier etwa narren?
Werde dich erneut verscharren.

Wütend tritt er auf die Finger
und ruft: Fort, Ihr Elendsdinger!
Weg, ihr widerlichen Krallen,
die auch jetzt mir nicht gefallen!

Bleib dort unten für dich liegen,
Würmer sollen dich da kriegen.
Bleib von mir aus dort auch stehen,
will dich hier nicht wiedersehen.

Oder kannst du etwa sitzen?
Ganz gewiss wirst du nicht schwitzen,
kühl sind schließlich alle Gruften,
die bestimmt nach Moder duften.

Ob als Zombie oder Tote,
hau bloß ab samt Schrumpelpfote!
Ich will hier nur Ruhe haben.
Du, du bist und bleibst begraben,
ich komm gerne täglich stündlich,
will ja wissen, ob auch gründlich.



*de profundis (Lat.) - aus der Tiefe

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